BORSIG: BORSIG BLEIBT BORSIG
Nach der Insolvenz kauft der Investor das gesamte Unternehmen.
August Borsig gründet 1837 seine Eisengießerei A. Borsig in der Chausseestraße in Berlin-Mitte. Sein Unternehmen liefert Dampfmaschinen und Dampfkessel für die Berlin-Potsdamer Eisenbahn. 1940 beschäftigt Borsig 12.000 Mitarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg demontiert die Rote Armee Teile der Maschinenanlage. Das Werk wird 1947 stillgelegt.
1950 wird die Borsig AG als Tochter der Rheinmetall AG neu gegründet. Seit 1970 ist Borsig eine Tochter der Deutschen Babcock AG. Das Mutterunternehmen geht 2002 in die Insolvenz und zieht die profitable Borsig mit.
Aufträge trotz Insolvenz
Für Christoph Spors, Investment Direktor des Private- Equity-Investors capiton, ist Borsig ein Sonderfall: “Nur vordergründig erschien Borsig als Turnaround”, sagt Spors. capiton entschied sich nach eingehender Prüfung für ein Investment und ist seit Mai 2003 Mehrheitseigner des Unternehmens.
Spors zweifelte niemals am Erfolg: Beispielsweise sei die Marktreputation des Unternehmens sehr gut. „Selbst als die Kunden erfuhren, dass Borsig insolvent geworden war, haben sie weitere Aufträge abgeschlossen“, sagt Spors. Borsig verlor keinen Kunden in der Insolvenzphase. Über Treuhänderkonten, die speziell für den jeweiligen Auftrag eingerichtet wurden, zahlten die Kunden für ihre Bestellung. Das half Borsig, liquide zu bleiben. Aber das Unternehmen selbst gehörte dem Insolvenzverwalter.
Komplett verkaufen statt zerschlagen
Nach Einschätzung von Konrad Nassauer ging es dem Insolvenzverwalter darum, das restrukturierte Unternehmen Gewinn bringend zu verkaufen. Nassauer leitete die Geschäfte von Borsig seit der Insolvenz und war auch treibende Kraft bei der Neugründung des Unternehmens. Er musste den Insolvenzverwalter davon überzeugen, dass Borsig mit dem Produktportfolio und der Technologie sowie dem hohen Weltmarktanteil seiner Produkte erhaltenswert war. Die für Borsig schlechtere Variante wäre gewesen, die einzelnen Teile zu veräußern oder das Unternehmen zu liquidieren.
Der Insolvenzverwalter war davon überzeugt, dass Borsig eine Perspektive hatte. Er entschloss sich, das Unternehmen zu restrukturieren und erst anschließend den Veräußerungsprozess anzustoßen. So konnte er einen maximalen Erlös für die Gläubiger erzielen. „Ich wollte außerdem möglichst viele Arbeitsplätze erhalten“, sagt Nassauer. Er entschied sich bei der Wahl des Käufers für capiton. „capiton wollte das Unternehmen nur übernehmen, wenn sich das Management finanziell am Unternehmen beteiligte.“ Doch zuvor ließ capiton das Borsig-Team durch einen externen Personalberater auf Herz und Nieren prüfen.
Entwickeln und Chancen geben
Der Berater führte mit jedem Manager ein mehrstündiges Gespräch. Die Inhalte dieser Gespräche blieben für Spors geheim, denn den Investor interessierte nur das Ergebnis: „Wir wollen wissen, ob das Team funktioniert“, sagt Spors. Der Berater bestätigte, das Team arbeite gut zusammen. Ein komplettes Management, treue Kunden – Borsig brachte noch einen Trumpf mit in die Partnerschaft: Das Unternehmen ist Weltmarktführer für den Bau von Apparaten, die Gase für die chemische und petrochemische Industrie kühlen.
Und damit nicht genug: Spors sieht noch Wachstumspotenzial, z.B. im Bereich der Membrantechnologie. Zwei Unternehmensakquisitionen unterstützte der Investor seit dem Einstieg 2004. So ist die Borsig ZM Compression GmbH seit 2004 ebenfalls Teil der Borsig-Gruppe. Mit der Übernahme erweiterte Borsig sein Produktportfolio um die Herstellung von Kolbenverdichtern. Für Spors ein logischer Schritt:
„Borsig hat selbst Kolbenverdichter hergestellt und ist damit weltweit bekannt.“ Aktuell investiert Borsig mehr als vier Millionen Euro in neue Maschinen und in eine neue Kolbenverdichterfertigung in Meerane (Sachsen).
Nassauer schätzt an capiton, dass ihr Ziel die mittelfristige Wertsteigerung des Unternehmens sei. „capiton achtet darauf, dass jeder einzelne Unternehmensteil profitabel läuft.“ Bestes Beispiel sei die Serviceabteilung von Borsig, die mit der Wartung von Kraftwerken betraut ist. Der Bereich erreichte nicht die geplante Rendite, aber capiton gab dem Service eine Chance: Die Arbeitszeit wurde von 35 auf 37,5 Stunden die Woche angehoben. Außerdem verstärkte Borsig die Vertriebsaktivitäten. Nach Angaben von Spors arbeitet dieser Unternehmensbereich seitdem äußerst profitabel und ist wichtiger Bestandteil der Unternehmensgruppe.
Die Berliner Partnerschaft
Für den Investor ist nicht nur die Finanzierung des Unternehmens ein Sonderfall. Auch die Offenheit zwischen Unternehmer und Investor sorgt dafür, dass Spors sich als Teil von Borsig sieht und „Wir“ sagt, wenn er z.B. über die Treffen in den gemeinsamen Strategiesitzungen spricht. „Ich besuche die monatlichen Führungsgespräche, und da reden wir Tacheles“, sagt Spors.
„Ich bin stolz darauf, ein Berliner Unternehmen mit solch einer bewegten Geschichte zu betreuen“. Dass Investor und Unternehmen aus der gleichen Stadt kommen, sorge nicht nur für kurze Wege. Nassauer wollte sich auch der Verantwortung des Investors versichern: „Die Insolvenz und die Neugründung von Borsig war ein Politikum“, sagt Nassauer- „Auf einen ausländischen Investor hätte das Interesse der Öffentlichkeit keinen Einfluss gehabt. Aber ein Berliner Investor konnte gar nicht anders: Er musste Borsig weiterführen.“

